Hans Thurner und Maria Oberhammer bereisen gemeinsam die Welt in ihrem Camper-Van und berichten darüber in Büchern, Reiseblogs und Live-Reportagen. Ein Gastbeitrag über ihre Reise zwischen schroffen Bergen, Bunkern und türkisblauen Buchten

Vier Wochen lang sind wir mit unserem selbst ausgebauten Fiat Ducato in Albanien unterwegs – dank Photovoltaik, Warmwasser und Trenntoilette weitgehend autark. Wir entdecken nicht nur schroffe Berglandschaften, einsame Strände und geschichtsträchtige Städte, sondern vor allem ein Reiseland, in dem Spontanität oft die schönsten Momente schenkt.

Unser erster Halt nach der albanischen Grenze verläuft gleich anders als geplant. Bereits auf der Anreise bricht sich Maria in Dubrovnik an einer Zuckermandel eine Plombe aus. Im kleinen Grenzort Bajzë finden wir sofort einen Zahnarzt. Ohne Wartezeit, freundlich und englischsprachig. Nach zwanzig Minuten ist alles erledigt und die Rechnung beträgt gerade einmal 17 Euro. Ein sympathischer Auftakt unserer Reise!

Noch am selben Abend zieht es uns in Richtung Albanische Alpen. Auf der Suche nach einem Stellplatz halten wir bei einem kleinen Restaurant und fragen, ob wir die Nacht auf dem Parkplatz verbringen dürfen. Die Antwort: „No problem.“ Wir bekommen dort auch noch ein reichliches Abendessen: große Schafkäsestücke und dazu sieben (!) Koteletts – nur für uns! Was wir nicht schaffen, wird eingepackt. Auch dieser zweite Eindruck von Albanien ist äußerst positiv.

Albanische Alpen – überraschend ursprünglich

Die vor einigen Jahren neu ausgebaute SH21 führt mit vielen engen Serpentinen über den 1685 Meter hohen Qafa e Thorës und auf der anderen Seite steil hinunter in das wunderschöne Tal von Theth. Die abgeschiedene Bergregion war vor dem Ausbau der Straße lange nur schwer erreichbar. Heute ist die Anfahrt deutlich einfacher.

Der Norden Albaniens gehört zu den beeindruckendsten Regionen des Landes. Die ​Albanischen Alpen gliedern sich in die drei bekannten Gebiete Vermosh, Theth und ­Valbona.

In Theth finden wir auf einer Wiese sofort einen guten Platz für die Nacht. Am nächsten Morgen geht es über eine grobe Schotter­straße, die wir mit unserem Ducato in Schrittgeschwindigkeit gerade noch bewältigen, weiter in Richtung Nderlysaj. Das Dorf besteht aus einer Handvoll Häusern. Auf trockenen Wiesen nahe einem Flussbett finden wir einen fantastischen Stellplatz mit freiem Blick über den Talboden und auf die schroffen Gipfel ringsum. Einige Schafe grasen friedlich neben unserem Van und wir verbringen eine fantastische Nacht unter Sternenhimmel.

Wir wandern zum Blue Eye, einer Karstquelle, deren Wasser in intensivem Türkis und eiskalt aus der Tiefe aufsteigt. Optisch nicht weniger spektakulär, aber zum Baden deutlich angenehmer, sind die Gumpen wenige Schritte von unserem Stellplatz entfernt. Im Dorfrestaurant genießen wir albanisches Bier und warmes Maisbrot mit Joghurt, ­frischem Gemüse und Olivenöl.

Für Besitzer geländegängiger Fahrzeuge geht es von hier noch weiter. Für uns wird die Straße allerdings unpassierbar. Also fahren wir wieder zurück und weiter Richtung Süden.

Zwischen Moschee, Basar und Diktatur

In Shkodra befindet sich die Bleimoschee (Xhamia e Plumbit), deren Name auf die einst mit Bleiplatten gedeckten Kuppeln zurückgeht. Wir besuchen das schlichte, lichtdurchflutete Gebäude, während der Muezzin die Gläubigen zum Gebet ruft.

Religion ist heute wieder selbstverständlicher Bestandteil des öffentlichen Lebens. Das war nicht immer so: Während der kommunistischen Diktatur unter Enver Hoxha war Religion jahrzehntelang verboten.

Über die SH39 und SH38 erreichen wir das reizvolle Städtchen Kruja. Auf dem Campingplatz Mali Camping Kruja finden wir einen halbwegs schattigen Stellplatz. Auch Kruja erzählt ein Stück albanischer Geschichte. Die historische Bergstadt mit ihrer Festung und dem lebhaften Basar gehört zu den bekanntesten Orten des Landes. Zwischen Teppichen, Kunsthandwerk und Souvenirs begegnet uns immer wieder das Bild von Mutter Teresa, die aufgrund ihrer albanischen ​Wurzeln bis heute im ganzen Land verehrt wird. Wir entdecken aber auch Bücher und Erinnerungsstücke aus der kommunistischen Zeit, die bis heute ­nachwirkt.

In der modernen Hauptstadt Tirana besuchen wir die beiden Bunkermuseen Bunk’Art 1 und Bunk’Art 2, um mehr über die Diktatur unter Enver Hoxha zu erfahren. Hinter dicken Stahltüren führen lange Gänge tief in unterirdische Bunker, vorbei an Besprechungsräumen, Schlafquar­tieren und Kommandozentralen. Ausgestellt sind Abhörtechnik, versteckte Kameras, Spionage­ausrüstung und Folterwerkzeuge. Plötzlich wird spürbar, wie sehr Angst und Misstrauen damals den Alltag bestimmten.

Albanische Riviera

Je weiter wir nach Süden kommen, desto stärker verändert sich die Landschaft. Nach Durrës folgen lange Sandstrände, Auch hier finden wir immer wieder schöne Plätze direkt am Meer, an denen wir für die Nacht bleiben können. Auf dem Campingplatz Camping Pa Emer am Karpen Beach bleiben wir für mehrere Tage und genießen die Ruhe.

Ganz ohne Schattenseiten ist Albanien allerdings nicht. Es hat ein großes Müllproblem aufgrund fehlender Infrastruktur wie auch eines oft mangelnden Umweltbewusstseins. Gleichzeitig verändert sich das Land rasant. Neue Straßen entstehen, Campingplätze werden modernisiert und der Tourismus wächst von Jahr zu Jahr.

Begegnungen unterwegs

Über die Park4Night-App finden wir den kleinen, privaten Campingplatz Camping Kapxhiu in Peshkopi. Die Besitzerin empfängt uns herzlich. Beim Abendessen, das sie extra für uns kocht, erzählt sie uns von ihrem Leben. Rund 100 Euro im Monat beträgt ihre Pension. Davon kann niemand leben, sagt sie, deshalb arbeitet ihr Sohn zeitweise in Frankreich. Auch die Einnahmen durch den Campingplatz helfen der ganzen Familie halbwegs über die Runden zu kommen. Ihren Gästen fehlt es jedenfalls an nichts: selbstgekochtes Essen, selbstgemachter Wein und Schnaps und eine ausgeprägte Gastfreundschaft!

Rund die Hälfte unserer Nächte verbringen wir abseits offizieller Campingplätze, die übrigen auf einfachen, günstigen Campingplätzen, um Wasser nachzufüllen und den Abwassertank zu leeren.

Einen sehr spontanen Stellplatz entdecken wir auf unserer Rückreise. Wir wollen noch das Valbona-Tal im Norden Albaniens besuchen. Auf der landschaftlich wunderschönen und kurvenreichen SH5 erblicken wir beim Vorbeifahren eine besonders reizvolle Stelle: Unterhalb der Straße öffnet sich eine weite Ebene mit Blick auf die Gipfel der Albanischen Alpen. Wir bremsen, setzen ein paar Meter zurück und rollen auf die trockene Wiese. Fahrspuren zeigen, dass der Platz regelmäßig genutzt wird (Spontaner Stellplatz bei SH5: GPS-Koordinaten 42.096874, 20.236190). Solche Orte lassen sich einfach nicht planen!

Am Ende des Valbona-Tals gibt es am Rand eines ausgetrockneten Flussbettes genügend Platz für Camper und ein eindrucksvolles Bergpanorama. Bei großer Hitze wandern wir tief ins Tal hinein zu einem kleinen Wasserfall. Auf unserem Stellplatz bekommen wir Besuch von Pferden, Eseln und Hunden. An die Hunde haben wir uns in Albanien inzwischen gewöhnt. Überall, wo wir über Nacht bleiben, tauchen sie irgendwann auf. Hundefutter haben wir deshalb immer an Bord.

Über die SH22 verlassen wir Albanien schließlich und treten über den Kosovo die Heimreise an. Hinter uns liegen vielfältige und unvergessliche Eindrücke. Was in vielen Teilen Europas selten geworden ist, konnten wir hier in großem Maß erfahren: das herr­liche Gefühl der Freiheit und Spontanität beim Unterwegssein mit dem Camper!

Live-Vorträge und Reisebücher von Hans Thurner und Maria Oberhammer
Hans Thurner ist seit 38 Jahren freiberuflich als Bergführer, Reiseleiter, Fotograf und Vortragender im deutschsprachigen Raum tätig. Schon seit seiner Jugend ist er außerdem begeisterter Camper – seit fünf Jahren lebt er nun sogar in einem selbst ausgebauten Van. In seiner Live-Reportage „Freiheit auf 4  Rädern“ erzählt er von den vielen Begegnungen, Landschaften und Erlebnissen entlang der Routen. Mit Fotografien und persönlichen Geschichten dokumentiert der Vortrag die spannende Reise durch einige der abwechslungsreichsten Landschaften Europas wie zum Beispiel Albanien. Parallel dazu erschienen ist gemeinsam mit Maria Oberhammer der gleichnamige Bildband (siehe unser Buchtipp). Alle Termine und Reisebücher findet man unter hans-thurner.at.

Links:
Mali Camping Kruja (Kruja Nature Resort)
Camping Pa Emer am Karpen Beach
Camping Kapxhiu in Peshkopi
Spontaner Stellplatz bei SH5: GPS-Koordinaten 42.096874, 20.236190 (Google Maps)

Bild: ©Hans Thurner

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